Künstler*innen, die genreübergreifend zwischen Design und Kunst, Mode und Kunst hin und her wandern, ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich.
Während jeder den Unterschied zwischen Mode und Kunst einigermaßen verstehen kann, gibt es vielleicht  Menschen, die sich fragen, wo die Grenze zwischen Design und Kunst wirklich liegt. Wenn ich eine kurze Antwort geben müsste, würde ich sagen, dass Kunst Kreativität ist, die Probleme aufzeigt, während Design ein Vektor für praktische Problemlösungen ist. Mit anderen Worten: Künstler*innen suchen nach Kommentaren zu den Problemen unserer Gesellschaft und unseren inneren Gefühlen. Gleichzeitig bemühen sich Designer*innen darum, bessere Antworten auf die tägliche Nutzbarkeit und den Komfort der Dinge zu finden. Vielleicht ist es Neugier, was den gemeinsamen Nenner zwischen diesen beiden Berufen ausmacht.

Heutzutage arbeiten Designer und Künstler jedoch Hand in Hand, um neue Wege zu finden. Während Designer nach Lösungen suchen, werden sie auf verschiedene Probleme aufmerksam und wenden sich an die Kunst, um diese aufzudecken.

Seit 2017 findet in Tokio die DESIGNART statt, ein Festival, das Kunst, Architektur, Kunsthandwerk, Mode, Interior- und Produktdesign zusammenbringt. Die Veranstaltung verfolgt drei Ziele: Erstens will das Festival das Interesse an der kreativen Welt wecken, indem es viele Menschen mit hochwertigem Kunsthandwerk in Berührung bringt und zu einer höheren Lebensqualität inspiriert. Zweitens schafft das Zusammentreffen von japanischen und internationalen Kreativen unerwartete Synergien, die unabhängig vom Genre zu noch innovativeren Ideen führen können. Schließlich sollen junge Kreative entdeckt und gefördert werden. Sie sollen einen Raum erhalten, in dem sie frei denken können, um eine zukunftsorientierte Kultur zu entwickeln.

Während der Meiji-Zeit (1868-1912) wurde Kunst als Konzept erstmals in Japan eingeführt. Viele der Gemälde und Skulpturen, die heute als japanische Kunst klassifiziert werden, hatten zu dieser Zeit eine rein dekorative Bedeutung, und die Ukiyo-e-Grafiken wurden zur Unterhaltung der Menschen hergestellt, ähnlich wie Illustrierte Zeitschriften heute. Bis zum Ende der Edo-Zeit genossen die Menschen in Japan die Kunst auf eine eher zwanglose und unprätentiöse Weise. Mit einem solchen kulturellen Hintergrund erwarte ich von japanischen Künstlern, dass sie mit Leichtigkeit den Spagat zwischen Kunst und Design schaffen, um etwas völlig Neues zu schaffen.

Als einer der Künstler der Micheko Galerie hat Norihiko Terayama die Kunstszene aus dem Design heraus betreten. Er ist ein bekannter Produktdesigner in Japan, warum also ist er jetzt in die Kunstwelt eingestiegen? Dazu meint Terayama: „Ursprünglich ging es bei den meisten Produkten, die ich entworfen habe, nicht um Benutzerfreundlichkeit, sondern eher um Verspieltheit und Spaß. Anstatt eine vorhersehbare Lösung zu finden, die viele Menschen zufriedenstellt, habe ich Produkte entworfen, die die Menschen nicht erwartet haben. Für mich ist die Grenze zwischen Kunst und Design fließend, und es scheint, dass es eine faszinierende Welt hinter dieser Grenze gibt, die noch niemand kennt.“

 

Ein weiterer Künstler, Ryosuke Harashima, der demnächst in unserer Galerie ausstellen wird, ist ebenfalls Produktdesigner und Künstler. In seinem Fall ist er bestrebt, Produkte, die seit der Antike in Gebrauch sind, aus einer neuen, zeitgenössischen Perspektive heraus neu zu denken.

 

 

Nun ist es an der Zeit, zu Mode und Kunst überzugehen. Das erste Mal, dass ein Künstler und eine Modemarke zusammengearbeitet haben, war wahrscheinlich 2003, als Takashi Murakami das berühmte „Eye Love Monogram“ für Louis Vuitton kreierte.
Sie wissen vielleicht, dass Louis Vuittons farbenfrohes Logo und das Augen-Design seinerzeit einen unglaublichen Einfluss auf die internationale Modewelt hatten. Seitdem halten die Flitterwochen zwischen High-End-Marken und den besten Künstlern der Welt bis heute an.

Christian Dior hat elf der derzeit gefragtesten Künstler ausgewählt, und die Taschen, die sie geschaffen haben, sind bereits atemberaubende Kunstwerke. (Ich denke ja, es würde viel mehr Spaß machen, einige interessante Kunstwerke junger Künstler zu kaufen als eine Tasche, die weit über 1.000 Euro kostet, aber jedem das Seine.)

 

 

Eine weitere Künstlerin bei Micheko, die mit einem Modedesigner zusammengearbeitet hat, ist Mariko Kusumoto.
Viele von Ihnen kennen sicher schon den atemberaubenden Schmuck von Frau Kusumoto. Einige von Ihnen besitzen vielleicht auch schon einige ihrer federleichten Stücke.

Kusumoto gelang in der Welt der Mode und Schmuckkunst der Durchbruch, als sie mit Jean Paul Gaultier für dessen Frühjahr/Sommer-Kollektion auf der Pariser Modewoche 2019 zusammenarbeitete. Eines ihrer Stücke aus dieser Veranstaltung schaffte es in die ständige Sammlung des Museum of Fine Arts in Boston.

 

 

Im Jahr 2020 trat sie außerdem in einem Werbespot für die Kosmetikfirma La Mer auf. Kusumoto ist eine Künstlerin, deren Aktivitäten sich nicht auf den Bereich der Kunst beschränken, sondern sich international auf Mode und Design ausweiten.

Während ich dies schreibe, kommt mir in den Sinn, dass es für uns Galeristen an der Zeit wäre, aus unseren Schneckenhäusern auszubrechen und eine neue Weltsicht auf die vielfältigen Erscheinungsformen der Kunst zu entdecken. Vielleicht werden unsere kreative Kraft und Energie jetzt auf die Probe gestellt.