In Europa denken wir bei dem Begriff Scherenschnitt meistens an schwarze Silhouetten von Portraits in Seitenansicht. Besonders populär war die Kunst des Scherenschnitts in Deutschland im 18. Jahrhundert und bis ca. Mitte des 19. Jahrhunderts. Dass aber der Scherenschnitt aus Asien stammt ist vielleicht weniger bekannt. Ursprünglich aus Nordchina, breitete sich diese Kunstform schnell aus und gelangte irgendwann auch nach Japan, wo der Scherenschnitt, so wie so vieles, was aus China nach Japan gelangte, adaptiert und dem japanischen Geschmack angepasst wurde.

Risa Fukui, Papierkünstlerin aus Tokio, hat den Scherenschnitt definitiv in das 21. Jahrhundert herüber gebracht. Ihre Arbeiten sind von einer Komplexität und Perfektion, die nur noch wenig an die relativ einfachen Schnittbewegungen des frühen Scherenschnitts erinnert.

Risa Fukui sagt über ihre Arbeit: „Es fließt sehr viel von meiner Lebenskraft in meine Kunst. Ich schneide Linien aus Papier und schaffe Figuren, Tiere und Pflanzen. Ich sehe, wie sie lebendig werden und wie ein Teil meines eigenen Lebens darin eingeht. Das Leben ist manchmal zu anstrengend, fürchterlich und spröde, aber gleichzeitig ist es auch unglaublich schön und kraftvoll. Es ist meine Absicht, alle Aspekte unseres Lebens und unserer Welt zu beobachten und intensiv zu erleben. Daraus nährt sich meine Kreativität und diese fließt in meine Scherenschnitte.“

Risa Fukuis Fantasiewelten nähren sich aus der japanischen Welt der Mythen und Sagen genauso wie aus den Märchen der Brüder Grimm oder Kombinationen davon. Die Künstlerin zeigt uns auch Lebewesen, die wir eher nicht als Gegenstand von Kunst kennen: Hyänen, Wölfe, Kröten und andere eher unpopuläre Tiere oder menschliche Randerscheinungen. Ihre Kunst heißt im Japanischen „kiri e“, Scherenschnitt-Silhouetten, aber was Risa Fukui tatsächlich erschafft, ist „kiri ga“ Scherenschnitt-Malerei.

Die Künstlerin ist in ihrer Heimat sehr bekannt und populär. Ihr widmete vor kurzen ein Museum in Shizuoka, ihrer Heimatstadt nahe des Fujiyama, eine ausführliche Einzelausstellung. Die Ausstellung dauerte knapp fünf Wochen und zog mehr als 6.000 Besucher an. Viele Mode-Labels lassen sich von Risa Fukui Kollektionen designen, ihre Arbeiten finden sich auf Schuhen, Kimonos und Autos wieder. Fukui entwirft auch Buchtitel und macht Scherenschnitt-Filme.

Risa Fukui zeigt einen kleinen Ausschnitt ihres sehr umfangreichen Werkes zum ersten Mal in einer Einzelausstellung im Ausland. In der Vergangenheit waren ihre Arbeiten bisher nur in Gruppenausstellungen außerhalb Japans ausgestellt.