„Bye bye Kitty“. Die im Jahr 2011 von der Japan Society Gallery in New York unter diesem Titel gezeigte Ausstellung markierte den wohl jüngsten Wendepunkt in der zeitgenössischen bildenden Kunst Japans. Von den Kuratoren selbst zwischen Himmel und Hölle verortet zeigte sie die Abkehr einer neuen Generation von Künstlerinnen und Künstlern weg von den bislang stark nationalen geprägten Einflüssen hin zu westlichen, vor allem amerikanischen Strömungen. Und es kennzeichnete den Abschied von einem in Japan sehr wichtigen Wort: kawaii, was so viel meint wie süß oder niedlich und in den Comic- Figuren mit den großen runden Augen oder in Plüschtieren bis heute seinen Ausdruck und den Erfolg bei dem überwiegenden Teil der japanischen Bevölkerung findet.

Über Jahrhunderte war die japanische Kunst stark von Einflüssen des großen östlichen Nachbarn China geprägt. Nur vereinzelt und regional bildeten sich vor allem religiös beeinflusste Besonderheiten heraus, was sich beispielsweise in der unauslöschlichen Ehrfurcht vor den heiligen Stätten der Familien- und Naturgötter und damit in der reinen Bewahrung der ursprünglich geprägten Form ausdrückte.

1853 tritt mit der Ankunft des amerikanischen Commander Perry und seiner „schwarzen Schiffe” eine entscheidende Wende in der japanischen Geschichte ein, als mit unverhohlenen Drohungen eine schrittweise Öffnung des Landes bewirkt wird, die unter dem Kaiser Mutsuhito, dem Meiji-Tenno, zu einem Umwandlungsprozess führt, aus dem Japan als konstitutionelle Monarchie und als ein modernes Staatswesen hervorgehen sollte.

Auch die Kunst hatte sich in dieser Ära zunächst völlig von den überlieferten Formen abgewandt und war willig allen möglichen Stilrichtungen des Westens gefolgt. Aber sehr bald schon kam es zu Gegenströmungen, in denen sich die Künstler auf die Tradition besannen und vor allem in der Malerei Althergebrachtes wieder belebten – nicht ohne allerdings die Anregungen, die sie von der modernen Kunst des Westens erhalten hatten, mit aufzunehmen.

Der japanisch-chinesische Krieg, der Überfall auf Pearl Harbour, die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und die darauf folgende amerikanische Militärregierung, die erst 1952 endete, bilden den Hintergrund der jüngeren Geschichte Japans, in der die Tradition des Spiritualismus durch den Materialismus amerikanischer Prägung abgelöst und zum bestimmenden Element des gesellschaftlichen Gefüges wurde.

Die heutige Generation junger japanischer Künstler ist aufgewachsen in einer prosperierenden Gesellschaft, des wachsenden Einflusses der Medien und nicht zuletzt einer zunehmenden Internationalisierung. Unter dem prägenden Einfluss von Takashi Murakami, seit den 1990er Jahren als Programmatiker und Lehrer eine Art Godfather für Scharen junger Kunstschaffender, ist die digitale Technik im 21. Jahrhundert Arbeitsmittel für Science Fiction und Pop Art bis hin zum New Pop. Es entstehen Werke von Flächenhaftigkeit und Liberalität einer technikgeprägten Bildschirmgeneration, die jeglicher haptischer Beschaffenheit offenkundig mit Skepsis begegnet.

Die sieben in der Ausstellung Neo Japan vorgestellten Künstler gehen über den Rand der aktuellen Modernität und der sich ausgebildeten Konformität noch einmal hinaus. Der Blick richtet sich ganz bewusst gen Westen und auf den amerikanischen Markt mit seinen oft plakativen Ambitionen und Vorlieben. John Hathway hat sich marketingstrategisch gleich einen englisch-sprachigen Namen zugelegt, unter dem er seine wimmelnden Kompositionen, die zugleich die traditionelle Lieblichkeit persiflieren und westliche Motive einsetzen, anbietet.

281_Anti Nuke entpersonalisiert sich selbst und liefert Street Art mit schablonenhaft eingesetzten Motiven wie der Freiheitsstatue oder dem Nikolausstiefel. imaitoonz verfremdet die klassischen Motive durch Photoshop, Stift und Tinte zu bizarren Farbkombinationen. Die ebenfalls farbstarken Arbeiten von Houxo Que entstehen auf der Basis von Fotografien, die in wiederkehrenden Prozessen hunderte von Male ausgedruckt, koloriert, bemalt und gescannt werden. Roamcouch perfektioniert die Schablonenmalerei und Kazuki Umezawa präsentiert Wimmelbilder, die selbst die digitale Realität aufzulösen scheinen. Meguru Yamaguchi, der in New York lebt, experimentiert mit analogem Cut and Paste in seinen Bildern und Skulpturen.

Durch Anonymisierung heben diese Künstler den Konsens zwischen der jungen Generation Kunstschaffender indes nur scheinbar auf. Denn zugleich bleiben sie auf Linie, eingefangen, eingepuppt – irgendwie.

Text: Achim Manthey

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