Der Fotograf Toshio Enomoto zeigt in seinen Bildern die japanische Seele

Der 1947 in Tokio geborene Toshio Enomoto steht ganz in der Tradition der japanischen Nachkriegsfotografie mit seinen prominenten Vertretern wie Shomei Tomatsu oder Imei Suda, um hier nur zwei der ganz großen japanischen Fotografen zu nennen. Hier ausführlich über Enomotos bisheriges Werk zu schreiben, würde den Rahmen dieses Eintrags sprengen, deshalb möchten wir uns auf die Essenz seiner Bildsprache konzentrieren. Gerade in den Sakura-Motiven seiner Serie “Kagirohi”, was sich grob mit “Licht kurz vor dem Sonnenaufgang” übersetzen lässt, zeigt sich der Gegensatz in der Sichtweise japanischer und westlicher Betrachter. Unser westliches Auge deutet die Kirschblüte als Zeichen der Neugeburt, des Aufwachens der Natur nach einem langen Winter. Wir erfreuen uns am Aufblühen der Kirschbäume und der restlichen Pflanzenwelt und wünschen uns einen möglichst langen, warmen und sonnigen Frühling. Japaner hingegen zelebrieren mit dem “Hanami”, dem Betrachten des Fallens der Kirschblüten, die Vergänglichkeit, die Schönheit der weiß bis zartrosa schimmernden Blütenblätter im Fall. Neuanfang gegen Vergänglichkeit, zwei Sichtweisen desselben Naturschauspiels.

Trotz der vermeintlich opulenten Bildmotive reduziert Enomoto in seinen Fotografien den Blick auf das Wesentliche. Wie in allen japanischen Kunstformen zeigt sich auch in der Fotografie das Prinzip “Perfektion durch Reduktion”. Auch seine Bilder aus der Welt der Maikos und Geishas in Kyoto scheinen uns vertraut zu sein. Wir sehen oberflächlich die Klischee-Motive, die uns spontan zu Japan einfallen würden, wenn uns jemand danach fragen würde. Bei näherem Betrachten aber wird uns bewusst, dass wir nicht unsere Klischees zu sehen bekommen, sondern tiefe Einblicke in die japanische Seele, wie sie nur von einem japanischen Fotografen festgehalten werden können und die uns westliche Betrachter so schwer zugänglich ist.

Enomotos Arbeiten sind in Europa schon in den Niederlanden in einer Einzelausstellung gezeigt worden. Bei Micheko zeigten wir 2011 einige Fotografien im Rahmen unserer Themenausstellung “Sakura”.

Toshio Enomoto sagt über sein langjähriges Projekt:

“Wenn über den Bergrücken von Higashiyama der erste schwache Schimmer der Morgenröte langsam hinüber scheint, ist Kyoto noch vom Nebel bedeckt. Es scheint, als ob dünnflüssige Tinte in der bewegungslosen Luft schweben würde.

Wenn der Fluß Kamo, der durch Kyoto fließt, sich morgens durch das erste Morgenlicht zu färben beginnt und die Ziegeldächer der zahlreichen Tempel entlang des Higashiyama vom Sonnenaufgang hell bestrahlt werden, erwacht Kyoto aus seinem Schlaf.

Zu dieser Zeit stehe ich schon am Kagami-Ike Teich vor Kinkakuji, wo ich die goldfarbene Existenz des Morgenlichts empfangen kann.

Mich interessiert schon immer, wie das Licht am Morgen der Existenz der Welt seine Umrisse schenkt und sie abends wieder weg nimmt. Es sind die Strahlen der Sonne, die bestimmen, welche Existenzen gezeigt werden und wie wir Menschen leben. Dieses Phänomen möchte ich immer mit meinen eigenen Augen verfolgen.”

Die SUNDAY NIKKEI schreibt über das Buch “Kagirohi”:

“Fallende Kirschblüten im Yoyogi Park, Kinkakuji vor Tagesanbruch, Tayu (so wurden die höchstrangigen Kurtisanen in der Edo-Zeit genannt. A.d.Ü.), die, wie in vergangenen Zeiten, im Kimono zu Fuß durch Kyoto gehen. Dieses Buch zeigt vordergründig verschiedene typisch japanische Motive, aber es ruft beim Betrachter auch einen intensiven, jedoch gleichzeitig auch sehr beruhigenden Duft ins Gedächtnis. Dieser Duft birgt eine bestimmte Andeutung des Todes in sich, der untergehenden Welt, die trotzdem immer noch viel Kraft besitzt und tief im Schatten weiterhin existiert.

Die Bilder in diesem Buch sind nicht ausschließlich ästhetischer Natur, sondern zeigen, wie sich unsere japanische Seele manifestiert und was wir, die Japaner von heute, nicht vergessen dürfen.

Ich würde so gerne tiefer in den Raum hinein sehen können, der im Dunklen liegt, der nicht auf den Fotografien gezeigt wird, als in den, der durch das Licht zur Gestaltung der Fotografie freigelegt wurde.”

Toshio Enomoto, Kagirohi 018, 1994

Toshio Enomoto, Kagirohi 018, 1994