Akiko, Du hast 2010 deinen Abschluss an der Münchner Akademie der bildenden Künste gemacht. Vor diesem Studium hast Du schon drei Jahre in Japan Schmuckdesign studiert und danach fünf Jahre Schmuckdesign gelehrt. Warum hast Du Japan verlassen und einen guten Job aufgegeben, um bei dem deutschen Schmuck-„Papst“ Otto Künzli zu studieren?

Akiko Kurihara

Akiko Kurihara

Ich habe Professor Künzli zum ersten Mal 2003 in Tokio getroffen, wo er einen Workshop im Hiko Mizuno College of Jewelry leitete. Ich arbeitete dort damals als Dozentin. Künzli war seinerzeit schon einer der berühmtesten und etabliertesten Schmuckkünstler in der zeitgenössischen Schmuckszene. Ich nahm an seinem Workshop teil und sah einige seiner Arbeiten. Ich war damals auch einfach sehr interessiert was sich in der zeitgenössischen Schmuckkunst-Szene in Europa tat, insbesondere in Deutschland, dem Land in dem Professor Künzli lehrte. Ich zeigte ihm einige meiner eigenen Arbeiten und sagte ihm, dass ich bei ihm an der Münchner Akademie für bildende Künste lernen wollte. Er nahm mich vorerst für ein Jahr als Gaststudentin auf. Von meiner japanischen Perspektive aus dachte ich, dass ein Jahr ausreichen würde, um Neues zu lernen. Aber in der Realität war es dann anders. Natürlich hatte anfangs große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, dem Essen, den örtlichen Gewohnheiten, meinem neuen Leben in einem fremden Land und so weiter. Alles war anstrengender und härter als ich in Japan noch gedacht hatte. Aber alles wurde täglich besser und zu einer positiven Herausforderung. Das erste halbe Jahr verging viel zu schnell. Eines Tages realisierte ich, dass ich nichts geschafft hatte und ärgerte mich sehr darüber. Das veranlasste mich, mein Studium an der Akademie in Künzlis Klasse vollständig durchzuziehen.

Hat Deine Deutsch-Europäische Erfahrung deine Art Schmuck zu schaffen, verändert?

Ja und nein. Ich sah viele Arbeiten in Deutschland und sonst wo in Europa in „echt“, die ich in Japan nur aus Büchern kannte. Ab und zu waren diese Arbeiten so viel schöner als auf den Fotografien, die ich in den Büchern sah, oft waren siw aber auch viel schlechter in echt. Das war die Zeit, in der ich die Macht der Fotografie für mich entdeckte. Ich stellte auch fest, dass es riskant war, sich nur auf Bilder zu verlassen und die Qualität der realen Kunstwerke zu vernachlässigen. Während meiner Zeit an der Akademie lernte ich auch, dass „ich mich nur auf mich selbst verlassen kann“. Aber ich meine das nicht als Beschwerde. Glücklicherweise habe ich dort viele talentierte Kolleginnen und Kollegen kennengelernt und hatte Gelegenheit, deren Meinung oder deren Standpunkte zu erfahren. Das war immer sehr erfrischend für mich aber letztendlich entsteht meine Kreativität stets aus meinem Inneren und nicht aus meinem externen Umfeld. Es ist wie in „Chasing Happiness: Maurice Maeterlinck, the Blue Bird and England“der kanadischen Dichterin Jane Munro. Mein kreativer Prozess besteht oft aus einsamer Arbeit, auch wenn ich viele Freunde oder Kollegen um mich herum habe. Glücklicherweise, solange ich einen Tisch und mein Werkzeug habe, kann ich überall neuen Schmuck schaffen.

Die meisten Deiner Schmuckarbeiten zeigen Details, die nicht immer dem Betrachter ins Auge stechen. Dein Schmuck erschließt sich oftmals erst auf den zweiten Blick und verinnerlicht somit das japanische Konzept der Unauffälligkeit entgegengesetzt zu den üblicherweise dominant in den Vordergrund drängenden Schmuckarbeiten der westlichen Welt, die meist aus Edelmetall und Edelsteinen gefertigt werden. Bist Du der Meinung, dass Frauen in Europa und in Japan bereit sind, Schmuck zu tragen, der nicht ganz offensichtlich seinen Wert heraus schreit?

Ich denke, dass der japanische Markt noch sehr von der sogenannten „Marken“-Schmuck dominiert wird. Die Leute vertrauen nur dem Materialwert (Gold, Diamanten, usw.) oder der Marke, aber nicht besonders dem künstlerischen Konzept oder Design. In den letzten Jahren sind in Japan einige junge Autorenschmuck-Galerien entstanden, die Beachtung finden. Die Situation in Japan ändert sich jetzt langsam. Einige Leute der jüngeren Generation schenken dem Autorenschmuck mehr Beachtung. Ich glaube aber, dass das größte Problem für die Autorenschmuck-Szene in Japan die Abwesenheit von Sammlern ist.

Wieviele Deiner Schmuckarbeiten könnten auch von Männern getragen werden? Wenn Du neuen Schmuck entwirfst, denkst Du da auch an männliche Kunden?

Mir wird oft diese Frage gestellt bzw. es wird mir empfohlen. Ehrlich gesagt habe ich nie im Detail darüber nachgedacht weil ich meine Priorität auf meine Kreativität gelegt habe. Aber irgendwie werden einige meiner Arbeiten, insbesondere Broschen, von Männern bevorzugt. In der Tat ist das Angebot für Männerschmuck begrenzt. Ringe, Halsketten, Ohrringe sind nicht so leicht tragbar für Männer. Broschen und Eheringe sind die Ausnahme. Es könnte interessant sein, mich für mein nächstes Thema auf Schmuck für Männer zu konzentrieren.

Ist es Deiner Meinung nach kein Widerspruch, dass Schmuckkünstler, die von der Akademie kommen, sich zwar als Künstler bezeichnen, aber nichts mit anderen Kunstformen zu tun haben möchten?

Ich möchte mich nicht über andere Schmuckkünstler äußern, nur über mich. Deine Frage könnte man auch Haiku-Dichtern stellen: „Schau, es gibt so viele Möglichkeiten zu schreiben, freie Verse, Romane, usw. Warum verwendest du nur 17 Wörter (5/7/5) und beschränkst so deine Möglichkeiten? Ist das nicht umständlich?“ Autoren von Haiku-Versen entscheiden sich bewusst für die 5/7/5-Form und sie komprimieren unendliche Bilderwelten in solch kurze Sätze. Wenn du die Regeln und die Form des Haiku kennst, dann kannst du die Emotionen des Dichters besser interpretieren und genießen. Ich interessiere mich auch für andere Kunstformen (Malerei, Bildhauerei, Fotografie, usw.) aber ich habe mich bewusst für die Schmuckkunst entschieden. Ein Grund dafür ist, dass ich die Techniken der Juwelierkunst beherrsche und die Größenordnungen passen gut zu mir. Ich denke auch, dass Schmuck eine sehr interessante Form der zwischenmenschlichen Kommunikation darstellt. Die begrenzten Regeln, die mir die Schmuckkunst auferlegt, empfinde ich nicht als schlecht, sondern als Herausforderung.

Wie wichtig ist für Dich das Material, welches Du für deine Kreationen auswählst?

Wegen meiner technischen Fähigkeiten benutze ich oft Metalle, insbesondere Silber. Gelegentlich verwende ich sie einfach nur, weil es mir gefällt. Tatsächlich aber habe ich keine Einschränkungen in der Wahl meiner Materialien. Wenn meine Idee für ein bestimmtes Material passt, dann zögere ich nie, dieses auch zu verwenden. Zum Beispiel habe ich letztes Jahr „Weinblätter“ aus leeren Weinflaschen gemacht. Das Wichtigste dabei ist, dass die Materialien ganz natürlich zu meinen Ideen passen müssen.

Du lebst jetzt seit 2011 in Mailand. Beeinflusst Dich der Alltag in Italiens Mode- und Design-Hauptstadt in deiner Herangehensweise an die Schmuckkunst?

Um ehrlich zu sein bin ich kein besonders extrovertierter Mensch. ich bin glücklich wenn ich an meinem Tisch arbeite, ruhig meine Bücher lese oder mit meiner Katze daheim spiele. In Tokio, München oder in Mailand würde ich meine Zeit ziemlich auf dieselbe Weise verbringen. Aber natürlich gibt es hier so viele großartige Sehenswürdigkeiten und Mailand ist ja auch das Mekka der Mode. Ich kann das nicht ignorieren. Ich sollte vielleicht doch mal so langsam die Szene hier erkunden und mich schrittweise integrieren. Und überhaupt ist hier das Essen so wunderbar. Ich liebe die italienische Küche! Mir fehlt nur das deutsche Bier!

Wenn Dich jemand nach einen ganz speziellen Stück Schmuck fragen würde, würdest Du eine Auftragsarbeit annehmen? Welche Informationen bräuchtest Du, um eine Arbeit zu schaffen, die dem Geschmack und der Persönlichkeit Deines Auftraggebers entspricht.

Ja, das würde ich machen. Wenn der Kunde sich von meinen bisherigen Arbeiten inspirieren lässt und Schmuck bei mir in Auftrag gibt, dann wäre das sicher eine interessante Erfahrung für mich und ich bin offen über dessen Ideen und Vorstellungen zu hören.