Wie die Digitalisierung in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens zu tiefgreifenden Veränderungen geführt hat ist auch die Fotografie, zumal die künstlerische Fotografie unabhängig davon, ob man sich bei der Bildentstehung analoger oder neuer Technik bedient, in stetem Wandel begriffen und auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Präsentationsformen. Das Festhalten des bloßen Augenblicks wird zunehmend lediglich Teilaspekt des Mediums. Das fordert auch vom Betrachter neue Sehgewohnheiten, Sichtweisen und Definitionen des Verhältnisses zu Wirklichkeit und Echtheit in der Wahrnehmung.

In der Ausstellung „Explorations“ zeigt die Micheko Galerie aktuelle Arbeiten von fünf Kunstschaffenden: des oftmals in Japan arbeitenden Künstlerpaares Albarrán Cabrera sowie der japanischen Künstler Yuki Tawada, Junji Yamada und Takahiro Yamamoto. Allen Arbeiten ist gemeinsam, dass die Fotografie Grundlage der Werke ist. In der individuellen Werkentstehung werden sie von den einzelnen Künstlern jedoch ganz unterschiedlichen Bearbeitungs- und Interpretationsformen bis hin zum Fotorealismus unterzogen.

Die Fotografen Anna Cabrera und Angel Albarrán, beide 1969 geboren und in Barcelona lebend, arbeiten seit 1996 als Künstlerduo zusammen. Ihre Arbeiten waren bereits in zahlreichen Ausstellungen im In-und Ausland zu sehen. Als Wandinstallation präsentiert unsere Ausstellung „Explorations“ kleinformatige Fotoarbeiten aus den Werkreihen „The Mouth of Krishna“ und „Kairos“. Gleich metaphysisch-philosophischen Studie untersuchen die Künstler in der erstgenannten Serie die japanische Parabel vom Kind Krishna, das von der Mutter zu Unrecht bezichtigt wird, Schmutz gegessen zu haben und auf deren Befehl den Mund sperrangelweit öffnet. Als die Mutter hineinschaut, sieht sie dort das gesamte zeitlose Universum, von dem jedes Teil das Ganze ist. „Kairos“ -der Titel leitet sich aus dem Griechischen ab – hingegen befasst sich mit der „Ewigen Gegenwart“ durch fotografische Gegenüberstellungen von Jetzt und Zeit.

Die 2012 entstandene Arbeit „The Infinite Plan“, der 1978 geborenen und in Yokohama lebenden Künstlerin Yuki Tawada bewegt sich an der Grenze zwischen Fotografie, Malerei und Skulptur. Das Unikat kommt großformatig und farbstark daher und entstand durch die Schichtung zahlreicher Farbfotografien, die durch Brandmale ihre besondere Struktur erhalten hat.

Takahiro Yamamoto nimmt alte Fotografien und Postkarten als Vorlage für seine fotorealistischen Porträts. Die Motive setzt er in feinsten Federzeichnungen exakt um und koloriert sie teilweise. Er übersetzt damit alten Traditionen der Japan-Fotografie des 19. Jahrhunderts, wie sie beispielsweise von Kusakabe Kimbei, Felix Beato oder auch dem Baron Stillfried bekannt sind, in die Malerei. Ein „Recycling von visuellen Informationen“, so beschreibt der Künstler das Konzept seiner Serien „Re-view“ und „Reconstruction“, bei denen der Betrachter nicht mehr in der Lage sei, die eigentliche Wahrheit hinter der wahrgenommenen Wahrheit zu erkennen.

Die gezeigten Werke aus der Serie „Über Gemälde“ von Junji Yamada kombinieren Fotografie und Malerei. Sie entstehen in mehreren aufwändigen Arbeitsschritten. Die Motive berühmter Gemälde, beispielsweise der „Wasserlilien“ von Claude Monet, modelliert Yamada in Gips zu dreidimensionalen Figuren nach, die er exakt nach dem Original drapiert und in schwarz-weiß fotografiert, in der Größe des Originals ausdruckt und das Werk damit in die Zweidimensionalität zurückführt. Danach stellt er eine Kopie des Originals als Kupferstich her, den er auf die Fotografie druckt und dann in einzelnen Details mit Harz oder Perl-Pigmenten teilweise nachzeichnet oder koloriert. Mit den unterschiedlichen Variationen seiner Arbeiten, allesamt Unikate, die sich zwischen den Dimensionen bewegen, erforscht der Künstler das Phänomen von Realität und Illusion oder Fiktion, über die, wie es Yamada ausdrückt, „die Kunst frei fliegen kann“.

Die Ausstellung „Explorations“ kann – zumal bei Berücksichtigung der Ausrichtung der Micheko Galerie auf japanische oder auf Japan bezogene Kunst – nur einen kleinen Ausschnitt dessen zeigen, was sich im Zusammenspiel der Fotografie mit den vielfältigen Ausprägungen der unterschiedlichen Kunstformen aktuell tut. Sie bietet dem Betrachter jedoch erste Einblicke in jüngere Entwicklungen und Tendenzen. Und sie belegt die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten bildender Kunst – sofern die Künstlerin oder der Künstler ihr beziehungsweise sein eigenes Bildbearbeitungsprogramm bleibt.

Text: Achim Manthey

Eröffnung am Freitag, den 13. Januar 2017 von 18.30 bis 21 Uhr. Einige Künstler werden anwesend sein.
Künstlergespräch mit dem Künstlerduo Albarrán Cabrera am 14. Januar 2017 um 15 Uhr.
Dauer der Ausstellung: 14. Januar bis 25. Februar 2017