Muga Miyahara: „die Welt dahinter“

Fish 21, Muga Miyahara

Fish 21, Muga Miyahara

Eine Frau. Schlafend. Träumend?

Fische. Viele Fische. Immer mehr Fische. Nass, kalt, glatt.

Gefühle des  Ekels und Schauderns?

Eine Frau. Schlafend. Alpträumend?

„Als Kind“, schreibt Muga Miyahara, „hasste ich es Fisch zu essen. Aber mein Vater bestand darauf und sagte immer wieder: ‚Iss Fisch! Iss Fisch!’ Das bereitete mir große seelische Qualen…“

Diese Kindheitserinnerung war die Inspiration für „A Memory of a Fish is there…“ einen der bekanntesten Bildzyklen des Künstlers. In immer neuen Variationen zeigt er eine junge nackte Frau und Fische und setzt sich auf diese Weise mit dem Trauma seiner Jugend auseinander. Der Betrachter mag die Gefühle des Ekels teilen, die Miyahara mit Fischen verbindet oder er mag die Fotografien auf seine Weise deuten. Surreal und verstörend wirken die Szenen auf jeden Fall.

Im Gegensatz zur traditionellen japanischen Fotografie, bei der die Abbildung individueller Erfahrungen kaum eine Rolle spielte, speisen sich die Werke Miyaharas überwiegend aus seinen ganz persönlichen Empfindungen. Der Künstler möchte das, was für das menschliche Auge unsichtbar ist, sichtbar werden lassen. Seine Fotografien wollen die Dinge hinter den Dingen zeigen und dem Betrachter unsichtbare Welten öffnen. Dabei inspirieren ihn, neben den persönlichen Erfahrungen, die japanische Mythologie oder markante Erscheinungen seiner heimischen Kultur.

Beispielhaft hierfür ist der Bildzyklus „Shinatsuhiko“. Benannt nach dem Namen der alten japanischen Gottheit des Windes. Miyahara zeigt eine junge Frau, die Blätter in die Luft wirft und wegbläst. Der Künstler deutet die Kräfte der Natur ganz althergebracht als Person, wie es die Vorfahren taten und wie es auch der Europäer von der Gestalt des griechischen Gottes Zephyr kennt. Eine Sichtweise wie sie, nicht nur der heutigen japanischen Gesellschaft, aber abhanden gekommen ist. Eine Welt dahinter, unsichtbar für unsere übersättigten Sinne und doch präsent.

Tokonoma - fear, Muga Miyahara

Tokonoma – fear, Muga Miyahara

Besonders eindrucksvoll ist Miyaharas Umgang mit der Tradition in seinen Arbeiten unter dem Titel „Tokonoma“.  Der Begriff bezeichnet eine Nische in einem typischen japanischen Haus, die üblicherweise mit einem Rollbild oder einem Ikebana-Arrangement geschmückt ist. Bei Miyahara wird das Tokonoma zu einem regelrechten Bühnenkasten in dem ein Panoptikum verschiedenartiger Objekte präsentiert wird, die den Betrachter zu vielfältigen eigenen Interpretationen einladen. Meistens äußerst einfache Arrangements im Geiste des Zen verstören sie wiederum den Betrachter eher, als dass sie Ruhe und Beschaulichkeit vermitteln. Eine einsame Beinskulptur, die an eine Prothese erinnern soll, ein an Fäden hängendes leeres Hemd oder von der Decke herabhängende Sägen. Die unsichtbaren Welten hinter diesen Gegenständen kann jeder leicht für sich selbst entdecken. Jenes Motiv dreier Bomber und eines aufsteigenden Explosionspilzes kann neben den nahe liegenden Assoziationen von Krieg, Luftangriffen und Atombombenabwürfen Ausgangspunkt vielfältiger Reflexionen über das Thema Gewalt sein.

Eine unsichtbare Welt offenbart auch Miyaharas Bild-Zyklus „Sakura“ über die Kirschblüte, einem der wichtigsten Symbole der japanischen Kultur überhaupt.

Das Ungewöhnliche und Geheimnisvolle entsteht hier durch die vom Künstler verwendete Kamera, einer „Hermagis“ aus dem späten 19. Jahrhundert. Sie verleiht den, ansonsten möglicherweise eher unspektakulären Motiven, eine – durch die Sepiatönung und das camera obscura Objektiv erzeugte – archaische Qualität. Die Kirschblüte scheint hier weniger als symbolhaft für Frühling und Schönheit als vielmehr für die Vergänglichkeit aller Dinge zu stehen.

Mimi no.08, Muga Miyahara

Mimi no.08, Muga Miyahara

Zuletzt nochmals zur Auseinandersetzung Muga Miyaharas mit dem Menschen und seinem Körper.  In der Bilderserie „MIMI“ illustriert er seine Ansicht, dass der menschliche Leib auch den Charakter widerspiegeln kann. Dies fasst er in hoch ästhetische Kompositionen nackter Körper, die mit frischen Nahrungsmitteln bedeckt sind. Wiederum eröffnet sich dem Betrachter eine surreale, gelegentlich verstörende unsichtbare Welt. Als ein besonders schönes Beispiel sei das Bild einer nackten Frau auf deren Oberkörper der Tentakel eines Oktopusses liegt genannt. Schönheit und Schaudern sind hier miteinander verbunden. Aber wer vermag zu sagen, worin die Schönheit und worin das Schaudern liegt?